In den letzten Tagen kam ich nicht mehr zum Schreiben; die sozialen Kontakte sind schuld: Wenn man erst einmal ein paar Leute auf der Insel kennt, hat man eigentlich kaum noch eine Chance, den zahllosen Einladungen zu entgehen. Man hockt irgendwo herum und tut intensiv nichts - schon hält ein Moped, ein bekanntes Gesicht grinst herüber und lädt einen zum Essen oder zu einer Party ein. Dort lernt man dann wieder neue Leute kennen, von denen ebenfalls Einladungen "drohen". Sprich: Man hüpft von einer Einladung zur nächsten, wird unter den Thai teilweise regelrecht weitergereicht. Nicht zuletzt aus Gründen der Kontaktanbahnung. Wir wissen ja: Ein Falang ohne Thaifrau - das geht nun wirklich nicht.
Doch, geht. Bei mir zumindest. :)
Wobei ich jedoch zugeben muss, dass es mir manchmal nicht gerade leicht fiel, diverse "Angebote" auszuschlagen.
Auch die an der Bar, der "Ladybar" - von der ich erst später erfuhr, dass es sich um eine der berüchtigten Ladybars Thailands handelte.
Eine "Ladybar" ist - wie der gewitzte Leser vermutlich längst erriet, eine Art Bordell, "Open Air" allerdings in den meisten Fällen.
Die Thai errichten ein paar Mäuerchen, decken ein Dach aus Palmwedeln darüber, stellen ein paar Hocker davor und ein paar Flaschen mit Getränken hinein: Fertig ist die Bar. Dann stellen die Thai noch ein paar Damen hinein - und fertig ist die Ladybar.
In "meiner" Ladybar arbeiten vier junge Thaidamen, Thaifrauen, Thaimädchen - ich kann mich einfach nicht auf einen wirklich passenden Begriff festlegen. Sie passen einfach alle.
Da ist zum einen May. May ist 22 Jahre jung, sehr schlank, sehr hübsch, sehr tätowiert - allerdings recht geschmackvoll mit Blumenmotiven statt martialisch anmutenden Pigmentansammlungen. May spricht nur rudimentär Englisch; und das ist noch gelinde ausgedrückt.
Sie ist der "Boss" der Bar, also die Chefin. Um Chefin sein zu dürfen, zahlt sie jeden Monat 5000 Baht an ihre Chefin, Alysia vom "Alysia Spring Resort". May hat ein großes Hobby: Schminken und sich schön machen. Es vergeht keine Viertelstunde, in der May nicht zum Spiegel greift, zuppelt und pinselt, striegelt und glättet und hinterher genau wie vorher aussieht.
Als Chefin begleitet May keine Falangs mehr aufs Zimmer; das hat sie früher gemacht, allerdings nicht allzu lange.
In zwei Monaten will sie den Barbetrieb an den Nagel hängen; für drei Monate in einen kleinen Ort nahe der laotischen Grenze umsiegeln und sich zur Frisörin ausbilden lassen. Ein "normaler" Job, also.
Dann ist da Anni, die eigentlich Thanyarat heißt. Ich nenne sie "Crazy Anni", denn Anni lacht ständig, springt manchmal mit hoher Stimme lachend wie ein Derwisch durch die Bar, sieht ein bisschen europäisch aus. Anni ist ein wenig angepummelt, nicht dick, eher griffig. Mir gefällt das.
Anni ist ein Barmädchen. Für eine Handvoll Baht begleitet sie Falangs und ist zu Diensten. So, wie man sich das vorstellt.
Auch Anni möchte das Barleben aufgeben; sie träumt davon, ebenfalls eine Ausbildung zur Frisörin zu absolvieren, vielleicht gemeinsam mit May einen kleinen Schönheitssalon zu eröffnen.
Auch Anni spricht ein paar wenige Brocken Englisch, führt eine handgeschriebene Liste, in die sie neu erlernte Vokabeln einträgt.
"Mad Jenny" steht oder sitzt ebenfalls hinter der Theke. Sie ist ziemlich klein, hat aber Energie wie ein Taifun. Jenny kann urplötzlich sehr laut werden, wie von der Tarantel gestochen durch die Gegend springen und dabei mit dem recht ausgeprägten Hinterteil wackeln.
Von Jenny weiß ich nicht viel, eigentlich gar nichts. Nicht einmal, ob ich sie mag oder nicht.
Und da ist noch Ä. Ja, "Ä". Ä sieht unglaublich jung aus, kaum zu glauben, dass sie schon volljährig sein soll. Ich frage Anni nach Äs Alter; 19, sagt sie. Ich frage May nach Äs Alter; 18, sagt sie.
Ich frage lieber nicht weiter.
Ä sitzt meist einfach herum, macht ein freundliches Gesicht und sonst nichts. Wenn ein Falang an der Bar Platz nimmt, setzt sie sich ihm gegenüber, macht ein freundliches Gesicht und sonst nichts.
Aber Ä ist begehrt. Gleich am zweiten Abend taucht ein irgendwie unsympathischer Brite in den 60ern auf, trinkt ein Alibibier und vereinbart einen Hausbesuchs Äs. Das kostet ihn 2500 Baht: 500 Baht gehen an die Bar, der Rest geht an Ä. Ich bin aber sicher, dass sie davon noch ein bisschen abgeben muss.
Als Ä wieder zurück ist, wirkt sie noch stiller als zuvor, macht auch kein freundliches Gesicht mehr. Es dauert fast zwei Stunden, bis ich sie wieder lachen sehe.
Ähnlich ergeht es Anni ein paar Tage später: Derselbe Brite taucht zum Alibibier auf und vereinbart ein Treffen mit ihr. 2500 Baht.
Als Crazy Anni zurückkehrt, ist sie nur noch Anni. Aber sie verpackt das Erlebnis anscheinend besser als Ä; nach einer Stunde ist sie wieder die Alte.
Und da haben wir auch schon die typische Situation, die uns Europäern so gewaltig auf die Socken geht: Ein älterer Europäer "vergeht" sich an blutjungen Thaifrauen. Das denkt man doch, richtig ?
Das denkt auch fast jeder, der nicht selbst Kunde solcher Dienstleistungen ist. Ich dachte auch mal so; und ein kleines bisschen dieses Denkens ist auch noch vorhanden.
Vor Jahren war ich mit Stephanie an der Südspitze Phukets, in Ao Sane, einer kleinen Bucht mit einer noch viel kleineren Tauchschule. Als wir eintrafen und Stephanie die kleinen Hüttchen auf Stelzen direkt am Ozean sah, war sie begeistert: "Schau mal, wie romantisch ! Das Meer kommt bis unter die Hütte !" - In der folgenden Nacht hieß es dann nicht weniger romantisch: "Das Scheißmeer ! Ich krieg kein Auge zu !"
Abends saßen wir oft mit anderen Tauchern wie die Gallier um einen großen Holztisch herum, Bier und andere Dinge kreisten, als ein Thai vorbeikam und fragte, ob er sich dazusetzen dürfe. Klar durfte er.
Bei der Gelegenheit fragte ich ihn, was er eigentlich empfände, wenn er eine blutjunge, hübsche Thai mit einem alten, fetten Falang sähe.
Der Thai sah mich mit drei Kilo Unverständnis in den Augen an und meinte: "I not understand."
Dachte ich mir. Also erklärte ich es ihm noch einmal von vorne, noch ein bisschen genauer.
Reaktion: "I not understand."
Als ich zur dritten Erklärung ansetzte, meinte er dann, dass er mich schon beim ersten Mal verstanden hätte, aber beim besten Willen nicht wisse, wo das Problem läge.
Also fragte ich ihn, ob er das nicht schrecklich fände, ob es ihn nicht wütend oder traurig mache, wenn die dicken, alten Falangs sich die schlanken, jungen Thaimädchen schnappten.
Wieder schaute er mich völlig verständnislos an. Und meinte sinngemäß: "He, wo ist denn das Problem ? Das ist ein Geschäft, bei dem jeder etwas gibt und etwas bekommt. Der Falang bezahlt mit Baht und bekommt dafür ein hübsches Mädchen. Das Mädchen bekommt dafür das Geld, das ihren Lebensunterhalt und oft auch den ihrer Familie sichert. Und wenn sie nicht will, macht sie es einfach nicht. Niemand außer dem Leben selbst zwingt sie dazu. So einfach ist das."
Ja, so einfach ist das. Nur eben nicht für uns Europäer, die wir natürlich versuchen, unsere seit Jahrhunderten gewachsenen Moralvorstellungen auf eine ganz andere Kultur zu übertragen.
Das geht schief; und zwar gehörig.
Ich unterhalte mich lange mit May darüber. Es dauert, da wir uns mit Händen und Füßen verständigen müssen, manchmal zu Wörterbüchern greifen, in denen außer dem, was wir gerade suchen, alles steht. Wir versuchen es auch mit Online-Übersetzungsdiensten wie "Google Übersetzer", der aus meiner Frage, wo May denn wohnte, einen Heiratsantrag machte und May damit etwas, mich etwas mehr verunsicherte.
Merke: Wie auch sonst üblich, dient Übersetzungssoftware der reinen Unterhaltung, wie das Spiel "Stille Post", das genauso wirkt.
Hin und wieder sind Thais an der Bar, die etwas besser Englisch sprechen. Sie dolmetschen dann, kostenlos und unverbindlich.
Die mehr oder minder organisierte Prostitution in Thailand funktioniert so:
Barmädchen arbeiten in einer Bar; wer hätte das gedacht !?
Ihr Job besteht darin, Kunden anzulocken, ein wenig zum Trinken zu animieren, sich hin und wieder ein (immer relativ teures) Getränk ausgeben zu lassen, ab und zu einem Falang erotische Aufmerksamkeit zu schenken.
Wenn ein Barmädchen von einem Falang "abgeworben" wird, führt dies natürlich zu einem gewissen Einnahmenausfall der Bar; dafür zahlt der Kunde dann die 500 Baht. Es handelt sich also um eine Kompensationszahlung, nicht um eine Vermittlungsprämie.
An einer erfolgreichen "Paarung" verdient demnach das Mädchen den Löwenanteil (also ganz anders als bei uns), die Bar deutlich weniger.
Der Betrag, den das Barmädchen erhält, ist übrigens verhandelbar; mit ihr persönlich.
Bei unserer doch eher winzigen Bar fehlt jedoch etwas, das es in größeren Bars grundsätzlich gibt: Eine "Mamasan", ohne die eigentlich gar nichts geht.
Die Mamasan ist so etwas wie eine Puffmutter, oft ein ehemaliges Barmädchen mit ordentlich Erfahrung und guten Englischkenntnissen im Gepäck. Mamasan stellt die Verbindung zwischen Mädchen und Kunden her, handelt teilweise den Preis aus, klärt und schlichtet Missverständnisse und Streitigkeiten - und dient als Ansprechpartnerin für ihre Mädchen.
Die Mädchen zollen ihrer Mamasan großen Respekt. Sie betrachten Mamasan tatsächlich wie eine Art Mutter; daher besteht zwischen ihnen und ihr ein Verhältnis wie zwischen Tochter und Mutter: Fast liebevoll, aber dennoch mit einer eindeutigen Hierarchie.
Bei "meiner" winzigen Bar wäre kaum Platz für eine Mamasan, die meist recht korpulent ist. Kürzlich wurde eine Mamasan in Bangkok verhaftet, die Kontakte mit Minderjährigen vermittelte. Zu ihrer Verteidigung hatte sie zu sagen, dass das keinesfalls ihre Schuld, sondern die Schuld der Gesellschaft und des Staates sei: Schließlich gäbe es in Thailand Lebensmittel, die dick machten - und weil sie diese in Unmengen aß und erstaunlich fett wurde, konnte sie nicht mehr regulär arbeiten. Und da sie so viel essen musste, um ihr Gewicht zu halten, hätte sie dann eben auch die Kinderprostitution fördern müssen.
Ganz klar: Die Frau ist völlig unschuldig !
"Unsere" Mamasan lebt nicht auf Koh Chang, sondern mit ihrem britischen Lebensgefährten auf dem Festland. Die Mädchen telefonieren täglich mit ihr, Mamasan gibt Tipps und Rat. Hin und wieder kommt sie auch mal nach Koh Chang. Dann sind die Mädchen komplett aus dem Häuschen und ziehen sich so an, wie man sich eine echte Prostituierte vorstellt.
Sonst nicht. Sonst tragen die Mädchen ganz normale Kleidung, öfter mal etwas figurbetont, aber keinesfalls nuttig. Wie Du und ich eben.
Und genauso sind die Mädchen auch. Es gibt keine muffige Professionalität, kein aggressives Verhalten gegenüber Kunden, niemand versucht, einen Falang zu seinem Glück zu zwingen.
Im Gegenteil bekommen viele Falangs anfangs oft gar nicht mit, dass es sich um "gewerbliche" Mädchen handelt; so ging es auch mir.
Ja, so blauäugig kann man sein. Ich zumindest.
Aber das liegt vermutlich daran, dass es sich um die wohl kleinste Bar der Insel handelt. In "Lonely Beach" gäbe es eine Bar mit weit mehr als 100 Mädchen, klärt mich May auf. Mit Mamasan, versteht sich.
Die Mamasan ist übrigens nicht der oberste Boss: Es gibt noch den "Big Boss", dessen Name nie genannt wird. Der ist an den Einnahmen der Bar beteiligt, bleibt stets im Hintergrund. Dennoch ist sein Wort Gesetz: Was Mamasan nicht schlichten kann, übernimmt der Big Boss. Wie, weiß ich nicht. Aber ich nehme an, dass ich das auch gar nicht wissen will.
Mamasan ist nett und freundlich, ich telefonierte mal mit ihr. Und Mamasan ist nicht fett, sieht sogar ganz sympathisch aus. Wir wollten uns eigentlich persönlich treffen; allerdings wurde nichts daraus, da sie sich derzeit etwas intensiver um ihren gehbehinderten Lebenspartner kümmern muss.
Die Mädchen lassen sich gerne mit Mamasan und ihrem Lebenspartner fotografieren. Mamasan und Partner sitzen, die Mädchen knien lachend daneben.
Jeden Monat spendet May der örtlichen Polizei 1000 Baht; Prostitution ist nämlich auch in Thailand nicht wirklich legal.
Aber so normal wie das Amen in der Kirche.
Anfangs meint man, die Barmädchen müssten die Falangs hassen, die ihre Dienste für ein paar Baht in Anspruch nehmen, sie mit ihrem Geld quasi gefügig machen.
Das Gegenteil ist der Fall. Die Mädchen mögen Falangs, die sie "buchen". Denn das rettet ihr Leben; so schwülstig das auch klingen mag.
Dazu muss man eins wissen: Die Ehe ist in Thailand nicht gar so heilig wie bei uns. Sehr oft heiraten Thai recht früh, bekommen Nachwuchs. Nach einiger Zeit aber sieht sich der Thaimann nach einer anderen Frau um; vielleicht etwas jünger, vielleicht etwas schöner. Die Mutter seiner Kinder wird dann verlassen; auch das ist in Thailand eher normal denn Ausnahme.
Die Frau steht in diesem Moment mittellos da. Eine reguläre Arbeit, die sich mit ihrer Mutterrolle vereinen lässt, findet sich oft nur schwerlich.
Tagsüber gibt es kaum Möglichkeiten, ein Kind beaufsichtigen zu lassen und so einer regulären Arbeit nachzugehen; die meisten Thai haben tagsüber halt selbst zu tun. Am Abend kann man Kinder jedoch der Obhut von Freunden oder Nachbarn übergeben; kein Problem. Und dann braucht man einen Job, den man nur nachts erledigen muss.
So kommt das.
Oft stammen Barmädchen aus besonders armen Regionen des Landes, in denen sich Familien mit etwas Landwirtschaft auf sehr kargen Böden sowie Reisanbau über Wasser halten. Die Erträge reichen meist vorne und hinten nicht. Daher erklären sich nicht selten Töchter bereit, in Großstädte oder Touristenzentren zu ziehen, dort ihr Geld als Barmädchen zu verdienen und so für das Überleben der Familie zu sorgen.
Gibt es keine Mädchen in der Familie, erklärt sich manchmal ein Sohn bereit, sich einer Geschlechtsanpassung zu unterziehen und als "Kathoey", also "Ladyboy" (oben Frau, unten Mann) die eigene Familie zu ernähren.
Wenn man dies weiß, kann man vielleicht nachvollziehen, warum sowohl weibliche als auch männliche Prostituierte in Thailand nicht verachtet, sondern geschätzt werden.
Mal ehrlich: Würden wir es auf uns nehmen, uns für unsere Familie zu prostituieren, uns womöglich einer Operation zu unterziehen und als Mann mit Männern ins Bett zu steigen, damit es unserer Familie gut geht ?
Wohl kaum. Eher würden wir versuchen, eine Bank zu knacken, also kriminell zu werden.
In Thailand verkauft, nein, verleiht man eher seinen Körper; seit langer Zeit. Die Prostitution gehört in Thailand zum täglichen Leben wie bei uns ein Kinobesuch.
Als Europäer können wir das Ganze dennoch nicht ganz begreifen; zu fremd ist die Einstellung der Thai, zu verschmuddelt das Bild der Prostituierten.
"Meine" Prostituierten sind einfach stinknormale junge Frauen. Sie blödeln miteinander, fummeln ständig an ihren Smartphones herum, kichern, necken sich, lachen fast ständig, kriegen sich manchmal ein wenig in die Haare, schmollen sich dann gegenseitig ein paar Minuten an und vertragen sich dann wieder.
Ganz normal, stinknormal. Frauen, keine Nutten.
Und Frauen, die auch ihre Freizeit gemeinsam gestalten.
May, Anni, Jenny und Ä wohnen zusammen. Wenn man die Hauptstraße kurz vor "Bang-Bao-City" verlässt, gelangt man zu einer schmalen Betonpiste, die sich bis zum Meer schlängelt. Etwa auf halbem Weg gibt es eine Garagenreihe. Zumindest etwas, das wie eine Garagenreihe aussieht. Das sind die Wohnungen der Einheimischen.
Eine Wohnung ist etwa 4 x 4 Meter groß, besteht aus einem einzigen Raum mit quadratischem Grundriss, hinten rechts hat man eine nicht ganz bis zur Decke reichende Betonwand eingezogen, hinter der sich Klo und Dusche halbwegs verstecken.
May, Anni, Jenny und Ä teilen sich EINE solche Wohnung. Auf dem blanken Betonboden liegen vier dünne Matratzen an den Wänden, dazwischen kann man gerade noch laufen, ein Stapel Kleidungsstücke liegt in der Ecke, zwischendurch verteilt findet man alle möglichen Gegenstände des täglichen Lebens. Eine einzige Neonröhre sorgt für die nötige Erleuchtung.
Ich würde schlicht wahnsinnig werden: Neonlicht, vier Menschen auf engstem Raum, Klo quasi mitten im Zimmer, nur Sicht-, kein Schall- und Geruchsschutz. Die Wände zur Nachbarwohnung sind dünn, man hört fast jedes Wort.
Ich verstehe Mays und Annis Wunsch, ihrer Arbeit in der Bar möglichst schnell den Rücken zu kehren. Und ich verstehe auch, dass die Mädchen hin und wieder gerne bei einem Falang übernachten; in einem sauberen, geräumigen Zimmer mit Klimaanlage und privatem Waschraum, nur zu zweit, nicht zu viert, nicht direkt am Rand des Dschungels, aus dem immer wieder eine Menge Viehzeug kraucht. Vielleicht sogar mit Pool. 15 Minuten "Arbeit", dafür stundenlang ein kleines Paradies.
Im Schnitt haben die Mädchen einen Kunden alle zwei Tage; ja, so wenig ist das, weil sich die meisten Falangs eher in den Riesenbars von Lonely Beach oder White Sands herumdrücken - oder sie die winzige Bar in Bang Bao schlichtweg übersehen.
Wenn wir davon ausgehen, dass ein Mädchen pro Kunde etwa 1000 Baht behalten kann (das rate ich jetzt), kommen wir auf einen Monatslohn von 15.000 Baht, also etwa 300 Euro.
Das ist verdammt viel in Thailand, vor allen in den ärmeren Regionen !
Aber da die Mädels eine Unterkunft in Touristennähe bezahlen, fast ständig an der Hauptstraße essen müssen, an der Touristenpreise gelten, bleibt davon nicht mehr allzu viel übrig. Und wenn dann noch der größte Teil der eigenen Familie zukommt, bleibt kaum noch etwas.
Daher freuen sich die Barmädels über fast jeden Falang-Kunden; auf das Geld, das sie zum Leben brauchen, auf eine Nacht in sauberer Bettwäsche, gutes Essen und mehr, das ihr eigenes Leben ihnen nicht bieten kann.
Der Falang-Freier wird hier also geschätzt, nicht verachtet. Genau wie die Thaifrauen und -männer, die sich prostituieren.
So ergeben sich für die Thai zwei positive Dinge auf einmal.
Und daher können die meisten Thai absolut nicht verstehen, was an der Prostitution denn so verachtenswert sein könne.
Richtig nachvollziehen können wir Europa-Langnasen dies nicht. Aber wir können es vielleicht akzeptieren, auch wenn's anfangs etwas schwer fällt.
Übrigens: Uns stört nicht selten der manchmal immens wirkende Altersunterschied zwischen ollen Falangs und blutjung aussehenden Thaimädels, nicht wahr ?
Dazu sollte man zwei, nein, drei Dinge wissen:
1) Thais sehen grundsätzlich deutlich jünger aus. Nicht selten hält man eine 32-jährige Frau für eine 16-jährige. 40-jährige Thaifrauen sehen oft wie knapp über 20 aus. Keine Ahnung, wie die das machen. Eigentlich sollte die Haut unter der ständigen Sonnenbestrahlung immens leiden - so, wie wir es von unseren Solarium-Proletenfrauen kennen, die mit 35 schon eine Haut wie ein 120-jähriger Elefant haben. Nicht so die Thai. Die bleiben einfach bis ins hohe Alter optisch frisch.
Oft ist der Altersunterschied gar nicht mal so groß; es sieht nur so aus.
2) Wie war das in Deutschland kurz nach dem Krieg ? Als die ersten Edgar-Wallace-Verfilmungen herauskamen, Kulenkampff und Fuchsberger die Leinwände dominierten ? Da waren die Herren auch grundsätzlich deutlich älter als die Damen. Das war damals einfach so.
Und so ist es auch in Thailand und in anderen asiatischen Ländern wie Laos; damals wie heute.
Ein Alterunterschied von gut 20, 30 Jahren wird als absolut normal angesehen. Deswegen schaut kein Thai zweimal hin, wenn ein weißhaariger Falang mit einer blutjung wirkenden Thai an der Hand vorbeimarschiert.
Nur auf uns wirkt dieses Bild etwas verstörend; weil wir es einfach nicht kennen, unsere Wahrnehmung von Richtig und Falsch von Kindheit an ganz anders programmiert wurde.
Ich weiß das. Ich weiß das alles, habe alles aus erster Hand erfahren.
Aber es hilft mir dennoch nicht: Auch ich empfinde den weißhaarigen Falang mit der blutjungen Thai an der Seite nach wie vor als "falsch".
Wissen allein reicht also nicht.
3) Wir alle kennen eine Variante sehr ähnlicher Prostitution aus Deutschland: Man denke nur einmal an die zahllosen Prominenten und Schwerreichen.
Da gibt es pottenhässliche, dümmliche Tennisballübersnetzhauer, da gibt es pottenhässliche und nicht weniger intelligenzarme Fußballspieler, Rennfahrer, Schauspieler und andere Leute, in deren Umfeld sich geldwerte Vorteile abgreifen lassen.
Egal, wie eklig, dumm, fies und steinalt solche Leute sind: Stets findet sich eine junge, hübsche Frau an deren Seite. Meist erwirkt diese eine Eheschließung in Rekordzeit, produziert in Windeseile ein langzeitlich kapitalvermehrendes Kind und lässt sich dann kurz darauf scheiden, um reichlich abzukassieren.
Das ist genau dasselbe: Prostitution des Geldes wegen.
Daher sollten wir auf solche Damen fast genau wie auf die Prostituierten Asiens schauen - mit einem kleinen Unterschied: Hier geht es allein um persönliche Bereicherung; nicht darum, das eigene Überleben oder das der Familie zu sichern, wie es bei den asiatischen Barmädels der Fall ist.
Und die zugehörigen Herren sollten wir als das betrachten, was sie sind: Freier, Prostituiertenkunden.
Die Prostitution des Geldes wegen ist in Deutschland also genauso üblich wie in Asien; hier allerdings mit deutlich schändlicherem Hintergrund, da es allein um's Geldabgreifen und Abzocken (Schnellheirat, Schnellkind, Schnellscheidung zur Schnellabzocke) aus persönlichen Gründen geht.
Und dennoch schauen wir nach wie vor mit Unverständnis, Ablehnung und gerümpftem Näschen gen Asien, nach Übersee. Obwohl direkt vor unserer eigenen Haustür genau dasselbe passiert.
Viele Abende habe ich an der kleinen Bar verbracht. Es war nie langweilig, immer wieder unterhielt ich mich mit den Damen, manchmal mit Falangs, die neben mir ihren Hocker besetzten.
Mit Mick aus Neuseeland, einem ehemaligen Kampftaucher der Navy, quassele ich stundenlang über moderne Bergbautechnik und die Auswirkungen langzeitlichen Drogenkonsums. Er hat viel erlebt, schildert mir unzählige Ereignisse. Es ist richtig spannend.
An einem anderen Abend unterhalte ich mich mit Negi, einem kleinen, schmalen Inder, über Philosophie und den Reichtum der Friedhöfe.
Dazu immer wieder das muntere Mit-Händen-und-Füßen-Gequassel und fröhliche Gekicher der Mädels.
Ich lerne viele Thai kennen, die einfach so vorbeischauen. Manchmal sitzen auch Kinder an der Bar, trinken eine Cola, laden ihr Handy nach, grinsen, kichern, machen Unsinn, lachen mir zu.
Wenn jemand etwas mitbringt, wird es geteilt. Ein Thai hat eine eZigarette dabei; alle müssen sie ausprobieren. Josh, ein noch recht junger Brite, schleppt eine Runde türkische Pizza an. Ich muss eine davon essen, wenn ich niemanden beleidigen möchte. Gut so, denn die Pizza ist richtig lecker.
Nach einer Weile kennt man sich untereinander, der deutsche Falang ohne Sexabsichten und die zahlreichen Thai. Jeden Abend gibt es Neues zu erzählen, die allerneusten Fotos und Videos anzuschauen. Und alles ganz ohne "Puffatmosphäre"; einfach wie unter Freunden.
In Deutschland könnte ich mir eine solche Situation überhaupt nicht vorstellen: Jeden Tag begegnen mir wildfremde Thai; alte und ganz junge - und niemand lehnt den Ausländer aus Deutschland ab, alle sind absolut offen, freundlich und überaus hilfsbereit. Jeder will etwas über meine Heimat erfahren, alle staunen sie über Fotos von Schnee und Eis, alle wollen sie erfahren, wie es in Deutschland so ist.
Das hätte mir mal einer sagen sollen - dass ich mich in einem Minibordell sauwohl fühlen könnte.
Und NIE, absolut NIE wurde ich zu einem "Geschäft" gedrängt. Nicht ein einziges Wort in dieser Richtung.
Ich entwickle mich zum Weltmeister im Soda-Lemon- und Colatrinken, werde von den Mädels mit Thai-Essen gefüttert, die einen Riesenspaß daran haben, dass dieser Falang auch die allerschärfsten Thaigerichte verpackt, bei denen selbst die Mädchen Magenschmerzen bekommen. Die bekomme ich allerdings auch, tue aber so, als wäre da nix. :D
Im Gegenzug helfe ich, so gut ich kann, wenn es um kleine körperliche Beschwerden der Mädchen geht. Anni beispielsweise klagt öfter über Magenschmerzen. Ich frage sie etwas aus, steige auf's Moped und hole ein paar Tabletten aus meiner Hütte, erkläre Anni, wie und wann sie diese zu nehmen hat. Am nächsten Tag freut sich Anni, weil die Tabletten wirklich helfen. Und prompt werde ich wieder zum Essen eingeladen.
Manchmal selbstgemachte Kleinigkeiten; zum Beispiel in dünne Scheiben geschnittenes Obst, das wie viel zu saure Äpfel schmeckt und in eine sehr scharfe Soße getunkt wird, die exakt wie Hundefutter aus der Dose riecht. Mit Pansen.
Gestern musste ich Thaikuchen probieren, erst von Anni, dann von May. Und der schmeckte sogar. Oder die Mädels spurten in das kleine Thairestaurant auf der anderen Straßenseite (das übrigens gar nicht schlecht ist, obwohl es an der Hauptstraße liegt) und kommen mit riesigen Tellern zurück; ich muss alles probieren. "Eat ! Eat !" Sonst wird geschmollt.
Am letzten Abend bringt mich May gegen Mitternacht mit ihrem Scooter zu meiner Hütte in Bailan Bay; ich hatte mein Moped bereits abgegeben.
Wieder ein unbeschreibliches Gefühl: Der Duft des Dschungels, der auf Koh Chang teilweise fast wie Parfüm riecht, dazu der Geruch Mays. Eine wirklich leckere Mischung. Ich genieße die Fahrt, noch nie - von den Massagen einmal abgesehen - war ich einer Thai körperlich so nah.
Während der Fahrt verrät mir May, dass sie mich unbedingt wiedersehen möchte.
Wir kommen an, umarmen uns einmal kurz. Sie weint. Dann macht sie eine Andeutung, dass sie heute Nacht nicht so gerne in ihrem Raum schlafen möchte. Ich tue so, als hätte ich es nicht verstanden, obwohl es mir schon ein bisschen schwerfällt. Wir schweigen, May ist deutlich anzusehen, wie sie mit sich hadert, aber auch nicht ihr Gesicht verlieren möchte.
"You good man. I want see you again.", flüstert sie mir schließlich zu. Dann gibt sie Gas und verschwindet in der Nacht.
Ich schaue ihr noch lange nach, ehe ich mich zu meiner Hütte aufmache. Morgen geht's zurück nach Bangkok.
Schade, eigentlich...
Ich wäre gerne noch ein paar Tage oder gar Wochen auf Koh Chang geblieben, tagsüber vollkommen planlos und entspannt, beim Tauchen oder Quasseln oder bei der Massage, abends beim Essen, bei Parties oder bei den Mädels.
Aber ich freue mich auch auf die "blaue Japanerin"; sehr sogar. :)
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| Die weltbekannte Riesenbar in Bang Bao |
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| Von links nach rechts: Boss May, Mad Jenny, Silent Ä. Hinten: Crazy Anni |
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| Anni beim Haarglätten :) - Im Hintergrund das recht brauchbare Restaurant auf der anderen Straßenseite. |
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